Genetischer Ursprung kanarischer Ureinwohner weiterhin Mysterium für Wissenschaftler

Stufenpyramide aus vermutlich vorspanischer Zeit auf La Palma / © Klaus Schindl
Stufenpyramide aus vermutlich vorspanischer Zeit auf La Palma / © Klaus Schindl

Selbst neueste Forschungsmethoden der Gentechnologie konnten bisher kein schlüssiges Licht auf die enigmatische Besiedelung der kanarischen Inseln durch ihre Ureinwohner werfen.

Anita Soós, BA

"Venusfigur" der Guanchen im Kanarischen Museum von Las Palmas / © wikimedia commons
"Venusfigur" der Guanchen im Kanarischen Museum von Las Palmas / © wikimedia commons

Die Kanarischen Inseln sind eine Gruppe von sieben Inseln im Atlantik, etwa 100 km von der nordwestafrikanischen Küste entfernt. Aufgrund ihrer vulkanischen Entstehung, bestand nie eine Festlandverbindung zum afrikanischen Kontinent. Umso erstaunlicher erscheint also die Tatsache, dass Spanische Eroberer, als sie im 15. Jahrhundert erstmals auf den Kanaren landeten, eine uralte Zivilisation vorfanden, welche allerdings offenbar kein Wissen über Hochseefahrt besaß und auf dem technologischen Level der Steinzeit stehen geblieben zu sein scheint.

 

Geographische Lage der Kanarischen Inseln

zu Europa und Afrika 

© wikimedia commons

Frau in traditioneller Berber-Tracht / © Samia Dib Benkaci, wikimedia commons
Frau in traditioneller Berber-Tracht / © Samia Dib Benkaci, wikimedia commons

 

 

Die Hellhäutigkeit dieser Ureinwohner – auch Guanchen genannt – gab nur weitere Rätsel auf, deutete sie doch auf eine uralte Besiedelung von Europa aus – archäologischen und naturwissenschaftlichen Methoden zufolge um den Beginn des 1. Jahrtausends v. Chr. – hin. Aus linguistischer Sicht häuften sich jedoch die Hinweise auf eine Besiedelung durch die nordafrikanische Ethnie der Berber, deren Angehörige ebenfalls hellere Haut als ihre Nachbarethnien aufweisen.

 

 

 

Mit dem Aufkommen neuer genetischer Forschungsmöglichkeiten erhofften sich Wissenschaftler klare Antworten auf molekularer Ebene zu den Fragen nach der Herkunft der kanarischen Ureinwohner. Die Ergebnisse bleiben allerdings weiterhin unschlüssig. 

Ramses III. führt Gefangene der Seevölker vor Amun und Mut / Umzeichnung des Originalreliefs am zweiten Pylon des Totentempels Ramses’ III. in Medinet Habu von Carl Richard Lepsius (1810–1884)
Ramses III. führt Gefangene der Seevölker vor Amun und Mut / Umzeichnung des Originalreliefs am zweiten Pylon des Totentempels Ramses’ III. in Medinet Habu von Carl Richard Lepsius (1810–1884)

So konnte z.B. das Team um Dr. Rosa Fregel, damals noch Wissenschaftlerin der Abteilung für Genetik an der Universität de La Laguna auf Teneriffa, Spanien, nachweisen, dass ein Großteil (70 %) der maternalen Abstammungslinien (Haplogruppen) exakte Entsprechungen in Nordafrika haben. Die kanarischen Subtypen dieser Haplogruppen konnten in Nordafrika allerdings noch nicht nachgewiesen werden, was das Festlegen der Abstammung auf eine bestimmte Region in Nordafrika unmöglich macht. Dies könnte z.B. daran liegen, dass die nordafrikanische Population mit den entsprechenden Subtypen noch nicht erfasst worden ist, oder aber von späteren Migrationswellen ersetzt wurde.

 

Die Wissenschaftler konnten außerdem bei den Überresten der 30 getesteten Urkanarier auch 15 % Genmaterial feststellen, welches einen Ursprung im europäischen Teil des mediterranen Beckens nahelegt.

 

Kamen also die kanarischen Ureinwohner – trotz des scheinbaren Fehlens jeglicher Kenntnisse zur Hochseefahrt – aus eigenem Antrieb auf die Inseln, oder wurden sie von einem kleinen Teil eines „elitären“ Volkes herübergebracht? In jedem Fall musste es sich jedoch um ein oder mehrere größere „Projekte“ gehandelt haben, denn die genetische Diversität mit über 95 % auf den verschiedenen Inseln ist ein derartig hoher Wert, dass eine relativ große Anfangspopulation präsent gewesen, bzw. über mehrere Einwanderungswellen hereingekommen sein muss – sicherlich keine einfache Aufgabe in der Zeit um 1.000 v.Chr!

 

 

Könnte es sich möglicherweise sogar bei der Besiedelung der Kanarischen Inseln um – eventuell verzögerte – Nachwirkungen der Wanderungen, welche von der Bedrohung vieler antiker Reiche durch die sogenannten „Seevölker“ im 12. Jahrhundert v. Chr. ausgelöst worden sind, handeln?

Kanarische Inseln / © Hansen, wikimedia commons
Kanarische Inseln / © Hansen, wikimedia commons

Die Antwort auf diese Frage wird wohl noch die Aufgabe weiterer Forschung werden müssen.

 

Neue Erkenntnisse konnten mithilfe jüngster Studien allerdings schon gewonnen werden: Bisher war die Meinung (nicht zuletzt aufgrund des geschilderten Eindruckes der spanischen Eroberer) vorherrschend, die 7 kanarischen Inseln hätten sich auch untereinander nicht ausgetauscht und wären über die Jahrhunderte oder gar Jahrtausende weitgehend isoliert geblieben. Dies konnte nun durch DNA Analysen widerlegt werden, welche z.B. auf zumindest drei Migranten pro Generation zwischen den Inseln La Palma und Teneriffa hindeutet.

 

 

Auch die Theorie, dass die Kanaren vom Festland aus über die erste, erreichbare Insel Lanzarote bzw. Fuerteventura aus besiedelt wurden und sich die Siedler dann von Insel zu Insel „weitergehantelt“ hätten, konnte widerlegt werden. In diesem Fall hätte die genetische Diversität nämlich von Osten nach Westen bis zur letzten Insel, La Palma, stetig abnehmen müssen, was definitiv nicht der Fall ist. Viel wahrscheinlicher erscheint es, dass die Inseln vermutlich im Zuge mehrerer Wellen unabhängig voneinander, einzeln besiedelt wurden. 

Der König der Guanchen ergibt sich Alonso Fernández de Lugo (Teneriffa) / © wikimedia commons
Der König der Guanchen ergibt sich Alonso Fernández de Lugo (Teneriffa) / © wikimedia commons

Was die männliche Abstammungslinie betrifft, welche über das Y-Chromosom ermittelt wird, ergibt sich ein sehr ähnliches Bild. Die Ergebnisse der maternalen Untersuchung konnten bestätigt werden; denn auch hier ergibt sich ein zum Großteil nordafrikanischer – vermutlich berberischer – Ursprung, allerdings wieder ohne genaue geographische Zuordnung.

 

Auffällig ist auch, dass, während das maternale, urkanarische Genmaterial über die Zeiten hinweg relativ konstant geblieben und in der heute lebenden kanarischen Bevölkerung in großen Anteilen nachgewiesen werden kann, das Genmaterial der väterlichen Linien allerdings seit der spanischen Eroberung rapide gesunken und heute beinahe verschwunden ist.

Offenbar dürfte also die Kolonisation der Kanaren durch spanische Eroberer einen derart starken geschlechts-spezifischen Einfluss auf die indigene Bevölkerung gehabt haben, dass vor Allem weibliche Individuen, jedoch kaum männliche die zahlreichen, gewalttätigen Auseinandersetzungen überlebten.

 

 

Die spanische Eroberung sorgte also für drastische Veränderungen im Genpool der Urkanarier, gleichzeitig verurteilte sie jedoch auch eine faszinierende Kultur zum Untergang.

 

Das Erbe der Guanchen lässt sich glücklicherweise heute noch mithilfe ihrer zahlreichen Hinterlassenschaften, wie enigmatischen Felszeichnungen und Pyramiden, Höhlenbehausungen sowie medizinisch aufwendig trepanierten Schädeln feststellen.

 

Je näher man sich mit dieser Kultur beschäftigt, desto interessanter wird die Tatsache, dass sie trotz junger Radiocarbondatierungen starke Ähnlichkeiten mit jungsteinzeitlichen Populationen in Europa aufweisen. Besonders erwähnenswert in diesem Zusammenhang sind vor Allem ihre Werkzeugtechnologie aus vulkanischem Gestein – dem örtlichen Basalt – allerdings auch die Abwesenheit von geschliffenen Steinklingen.

 

 

Forschungsfragen gäbe es also genügend, wobei nicht zuletzt – wie grundsätzlich in der archäologischen Disziplin – auch das Thema der Finanzierung ein spannendes bleibt. 

Quellen: 

Neugierig auf die Pyramiden und Felsritzungen der enigmatischen Guanchen? Wollen Sie gemeinsam mit dem berühmten Kanarenforscher Prof. Braem die Geheimnisse dieser Kultur auf exklusive Art und Weise erkunden? Wir haben noch freie Plätze für unsere Studienreise "La Palma und Gran Canaria - auf den Spuren der jungsteinzeitlichen Ureinwohner"! 

 

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