Autismus als "Motor" der Evolution und Ursprung von Höhlenkunst?

Tierdarstellungen in der Höhle von Lascaux © Klaus Schindl
Tierdarstellungen in der Höhle von Lascaux © Klaus Schindl

Eine neue Studie der University of York lieferte jüngst beeindruckende Ergebnisse zum Thema Autismus in urgeschichtlichen Gesellschaften.

 

 

Demnach hätten unsere Vorfahren vor etwa 100.000 Jahren aufgehört, Autisten aus der Gemeinschaft auszuschließen und zu meiden – ganz im Gegenteil wurden Sie offenbar in die Gesellschaft als wichtige Spezialisten mit einzigartigen Fertigkeiten integriert, wodurch es Ihnen erlaubt wurde, eine wichtige Rolle in der Evolution zu spielen. 

 

 

Menschliche Darstellung in der Höhle von Lascaux © Klaus Schindl
Menschliche Darstellung in der Höhle von Lascaux © Klaus Schindl

Menschen sind klassische Rudeltiere - generationenlang haben wir zusammengearbeitet und unsere Fähigkeiten kombiniert, um unsere kollektiven Lebensumstände zu verbessern. 

 

Dies dürfte allerdings nicht immer so gewesen sein - laut der neuen Studie dürfte diese gruppenorientierte Einstellung, welche auch als "kollaborative Moral" bezeichnet wird, erst vor etwa 100.000 Jahren durch eine subtile evolutionäre Veränderung aufgetreten sein. Durch die Verlagerung der Konzentration von den Charaktereigenschaften eines Menschen auf seine Fähigkeiten und Fertigkeiten, ermöglichte es die kollaborative Moral, eine soziale Nische für eine demographische Gruppe zu eröffnen, die zuvor vermutlich aus der Gesellschaft verbannt wurde – Menschen mit Autismus.

 

Das Forscherteam nimmt an, dass diese nun, anstatt zurückgelassen zu werden, eine wichtige Rolle in ihren sozialen Gruppen aufgrund ihrer einzigartigen Eigenschaften einnehmen konnten. Dies ermöglichte es Ihnen, auf Dauer ein wichtiger Teil der menschlichen Entwicklung und Evolution zu werden. 

 

So erklärte Penny Spikins, eine Dozentin für die Archäologie der Ursprünge der Menschheit an der University of York und Hauptautorin der Studie, dass Diversität und Unterschiede zwischen Menschen vermutlich eine weitaus größere Rolle in der menschlichen Evolution gespielt haben dürften, als etwa die Charaktereigenschaften einer Person.

 

Genetiker sind jedenfalls davon überzeugt, dass Autismus am Ende einer langen, evolutionären Geschichte steht und vermutlich bereits bei Vorfahren des Homo Sapiens aufgetreten ist.

 

 

 

 

Heutzutage ziehen akademische Felder wie Technik, Mathematik und Rechtswissenschaften vermehrt Autisten an, vor Allem jene mit Asperger-Syndrom. Mit Autismus umzugehen, ist selbst in der heutigen Welt im Besten Fall schwierig. Allerdings, so behauptet das Forscherteam, brachten jene Eigenschaften, welche moderne Individuen zu solchen Berufs- und Forschungsfeldern ziehen, bereits in Jäger- und Sammlerpopulationen erhebliche Vorteile für die Gruppe. 

 

Zum Beispiel wird Autismus oft mit erhöhter visueller, olfaktorischer und geschmacklicher Wahrnehmung sowie mit außergewöhnlichen kognitiven Fähigkeiten (sehr nützlich beim Navigieren der Welt ohne GPS) assoziiert. Asperger-Syndrom im Speziellen wird mit erhöhtem Sinn für Details (Erkennen von verschiedenen Pflanzen und Tieren), Verständnis für Systeme (z.B. für das Verhalten von Beutetieren) und verstärkten Fokussier-Fähigkeiten in Verbindung gebracht.

 

Was diese Menschen also an sozialen Nachteilen aufwiesen, machten Sie offenbar definitiv durch ihren Nutzen für die Gruppe wieder wett. Die Unterschiede zwischen Personen waren es offenbar, die zu menschlichem Erfolg führten und waren außerdem besonders wichtig, da sie auch zu verschiedenen, spezialisierten Rollenverteilungen führten.

 

Kurz gesagt, bildeten Autisten also die ersten Spezialisten und füllten Rollen aus, welche von Anderen in der Gruppe aufgrund der mangelnden Fähigkeiten nicht wahrgenommen werden konnten. 

 

Die Seite Neurosciencenews zitiert beispielsweise die Studie über einen älteren, autistischen Rentierhirten in Sibirien, welcher „ein erstaunliches Erinnerungsvermögen über Abstammung, Krankheitsgeschichte und Charakter aller seiner über 2500 Tiere“ an den Tag legte. Sein Wissen leistete einen wichtigen Beitrag im Management und dem Überleben der Herde, was wiederum einen direkten Effekt auf das Wohlergehen und den Wohlstand seiner gesamten Gruppe hatte. Obwohl der Mann sich „in der Gegenwart von Rentieren wohler fühlte, als in jener von Menschen“, war er ein besonders respektiertes und wichtiges Mitglied der Gruppe, hatte eine Ehefrau, einen Sohn und sogar Enkelkinder. Eine Person mit derartigen Fähigkeiten hätte vermutlich auch in einer steinzeitlichen Gesellschaft ähnlichen Respekt innerhalb der Gruppe erfahren. 

 

 

"Der Alte Mann von La Chapelle" - auch bei den Neandertalern wurden vor ca. 60.000 Jahren von der Norm abweichende Personen mit Respekt behandelt © Klaus Schindl
"Der Alte Mann von La Chapelle" - auch bei den Neandertalern wurden vor ca. 60.000 Jahren von der Norm abweichende Personen mit Respekt behandelt © Klaus Schindl

Archäologische Nachweise für Autismus zu finden, ist allerdings seit jeher eine große Herausforderung für Forscher, zumal sich dieser Zustand nicht am Skelettmaterial manifestiert. Indirekte Hinweise liefern allerdings z.B. die Art und Weise, wie andere Mitglieder der Gruppe, welche von der Norm abwichen, behandelt wurden. Auch Höhlenkunst und die Beschaffenheit bestimmter Artefakte können autistisches Verhalten ihrer Erschaffer vermuten lassen.

 

Dr. Sipkins bestätigt beispielsweise, dass es bereits seit geraumer Zeit hitzige Debatten um die Rolle von Autismus in der Entstehung von paläolithischen Höhlenmalerei gibt.

 

So könne es zwar nicht bewiesen werden, dass einige der Kunstwerke von Autisten geschaffen wurden, allerdings gäbe es Merkmale, welche Menschen mit Autismus zugeschrieben werden können. Außerdem fielen die ersten Artefakte mit Kunstcharakter genau in den Zeitraum, in welchem sich auch der Anfang der kollaborativen Moral festsetzen ließe. 

 

Quellen: 

 

 

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