Ein Wochenende in der Urgeschichte

Hineinschnuppern in das Handwerk längst vergangener Zeiten im Freilichtmuseum Elsarn

Abbildung: Freilichtmuseum Elsarn in NÖ/ © R. Manoutschehri/ ARGE Archäologie
Abbildung: Freilichtmuseum Elsarn in NÖ/ © R. Manoutschehri/ ARGE Archäologie

Letztes Wochenende durften wir mit einem der Gewinner des YoungScience Wettbewerbes "Österreich sucht die Zukunftsidee" ein Wochenende in der Vergangenheit verbringen.

 

Der 13-jährige Fabian aus Graz hatte mit seiner Idee, ein Skateboard mit einem Dynamo so auszustatten, dass während der Fahrt das Handy damit aufgeladen werden kann, die Jury richtig beeindruckt und bekam die Möglichkeit, sich an zwei Tagen im Freilichtmuseum Elsarn unter Betreuung der ARGE Archäologie so richtig auszutoben:

  

Abbildung: Ofenmodell von Fabian - noch in Arbeit/ © R. Manoutschehri/ ARGE Archäologie
Abbildung: Ofenmodell von Fabian - noch in Arbeit/ © R. Manoutschehri/ ARGE Archäologie

Nach einer kleinen Führung durch die verschiedenen Gebäude des Germanischen Dorfes in Elsarn ging es gleich ans Eingemachte - die Herstellung von Keramik, wie es bereits unsere Vorfahren seit der Steinzeit praktizierten, um Gefäße zur Lagerung von Getreide und Flüssigkeiten sowie zur Zubereitung von Speisen herzustellen.

 

Mithilfe der sogenannten Wulsttechnik, bei welcher nach der Formung eines Gefäßbodens aus Lehm Wülste geformt und übereinander so aufgelagert werden, dass dabei die gewünschte Form entsteht, versuchten wir unser Bestes, akzeptable Ergebnisse zu erbringen. Natürlich musste auch alles schön verstrichen und geglättet werden, damit das kleine Kunstwerk dem anschließenden Brand (um es beständiger und wasserfest zu machen), auch standhielt.

 

 

Unser Schützling bewies auch prompt ein hohes Maß an Individualität - wer braucht schon noch ein ordinäres "Häferl", er versuchte sich lieber an einem kleinen Ofenmodell, für welches es übrigens tatsächlich auch archäologische Beispiele im Bereich der Lausitzer-Kultur der Bronzezeit gibt.

 

Nach der Formgebung mussten die Werkstücke zunächst aber getrocknet werden, um sie im sogenannten "lederharten" Zustand noch zu glätten und zu verzieren. Der Brand selbst sollte erst am nächsten Tag erfolgen, sobald der Wassergehalt des Lehms durch weitere Trocknung auf etwa 5 -10% herabgesunken wäre.

 

Abbildung: Kupfer und Zinn werden im Gußtiegel auf rund 1100 Grad erhitzt / © R. Manoutschehri/ ARGE Archäologie
Abbildung: Kupfer und Zinn werden im Gußtiegel auf rund 1100 Grad erhitzt / © R. Manoutschehri/ ARGE Archäologie

Natürlich wollten wir währenddessen nicht untätig herumsitzen - unsere begnadete Bronzegießerin Michi bereitete schon einmal den echten Ofen für den Bronzeguß vor.

 

Für diesen musste eine Temperatur von mindestens 1085 Grad erreicht werden, damit das Kupfer, einer der beiden Bestandteile der metallischen Legierung Bronze, überhaupt schmelzen konnte. Der zweite Bestandteil, welcher sich bei idealer Mischung mit einem Verhältnis 1:9 zu Kupfer verhält, ist Zinn. Dieses ist ein sehr seltenes Metall und wurde bereits in der Bronzezeit nachweislich aus dem heutigen England, wo es größere Lagerstätten gibt, nach Mitteleuropa importiert. Mit der richtigen Technik ließen sich durch das Verschmelzen der beiden Metalle bereits ab dem späten 3. Jahrtausend v.Chr. Werkzeug, Waffen oder Schmuckgegenstände herstellen, indem man die Bronze in beliebige Formen goss.

 

Sobald die Flammen der Gegenwart grün aufleuchteten und sowohl Zinn als auch Kupfer im Gußtiegel geschmolzen waren, konnten auch wir endlich loslegen. Zuvor hatten wir gemeinsam Wachsförmchen des gewünschten Endproduktes modelliert. Anschließend wurden die Förmchen, wie z.B. das von Fabian ausgewählte Messer (eigentlich hätte es ein Schwert werden sollen ...), gut in Lehm verpackt , um eine sogenannte "Verlorene Form" zu bilden: Oben wurde ein Gußloch freigelassen und die Lehmform zunächst im Feuer getrocknet, wobei das Wachs schmelzen und die Form aushärten konnte. 

 

Danach bekam Fabian die Ehre und machte sich daran, mit Schürze, Handschuhen und Zange bewaffnet, die geschmolzene Bronze in die Form zu gießen - ein Unterfangen, das nicht nur Geschick, sondern auch einiges an Konzentration erfordert und natürlich auch sehr schnell von statten gehen muss - Vorsicht: Heiß!

 

 

Abbildungen: Bronzeguß/ © R. Manoutschehri/ ARGE Archäologie

 

Abbildung: Fabian zeigt stolz sein selbstgegossenes Messer / © R. Manoutschehri/ ARGE Archäologie
Abbildung: Fabian zeigt stolz sein selbstgegossenes Messer / © R. Manoutschehri/ ARGE Archäologie

 

 

 

 

 

 

 

Da unser Gewinner nicht nur etwas von Skateboards versteht, sondern auch Profi im Bereich der bronzezeitlichen Metallverarbeitung zu sein scheint, klappte alles auf Anhieb und die zerschlagene Form (deshalb auch "Verlorene Form" - sie ist nur einmal verwendbar) enthüllte ein perfekt gegossenes Messer nach bronzezeitlichem Vorbild. 

 

 

Natürlich musste dieses auch noch nachbearbeitet werden - Fabian machte sich sofort mit Begeisterung an die schwierige Arbeit, dem Messer mittels Feile die notwendige Schärfe zu verleihen.

 

Abbildung: Arnulf das Schandmaul / © R. Manoutschehri/ ARGE Archäologie
Abbildung: Arnulf das Schandmaul / © R. Manoutschehri/ ARGE Archäologie

 

 

 

 

 

 

Indes traf auch unser Spielmann Arnulf das Schandmaul am Ort des Geschehens ein und beförderte uns mit den Klängen seiner vielfältigen historischen Musikinstrumente in die Klangwelt vergangener Zeiten. 

Abbildung: Arnulf das Schandmaul mit einem sogenannten "Streichpsalter" / © R. Manoutschehri/ ARGE Archäologie
Abbildung: Arnulf das Schandmaul mit einem sogenannten "Streichpsalter" / © R. Manoutschehri/ ARGE Archäologie

 

 

 

Da ging die Arbeit gleich viel leichter von der Hand und auch unsere kleinen Zuschauer durften ein wenig mitmusizieren. 

Abbildung: Brotbackofen aus Lehm im Freilichtmuseum Elsarn/ © R. Manoutschehri/ ARGE Archäologie
Abbildung: Brotbackofen aus Lehm im Freilichtmuseum Elsarn/ © R. Manoutschehri/ ARGE Archäologie

 

 

Wer schwer arbeitet, muss seinen Körper natürlich auch mit ausreichend Energie versorgen - da kommt der tolle Lehmofen ins Spiel, in welchem man ausgezeichnetes Brot backen kann.

Abbildung: Leicht verbranntes Brot im Lehmbackofen/ © K. Schindl/ ARGE Archäologie
Abbildung: Leicht verbranntes Brot im Lehmbackofen/ © K. Schindl/ ARGE Archäologie

 

 

 

 

 

- Ein gewisses Talent vorausgesetzt ...

Abbildung: von links nach rechts: Vereinsobmann der ARGE Archäologie, Kurt Frank, Klaus, Fabian, Anita und Michi / © R. Manoutschehri/ ARGE Archäologie
Abbildung: von links nach rechts: Vereinsobmann der ARGE Archäologie, Kurt Frank, Klaus, Fabian, Anita und Michi / © R. Manoutschehri/ ARGE Archäologie

 

 

Zum Glück hatte es zuvor schon ein ausgiebiges Mittagessen beim Wirten im Freilichtmuseum gegeben ...

Nach diesem anstregenden Tag ging es dann am Abend ab in unser Hotel in Horn, wo auch Fabians Eltern zu uns stießen und wir uns unser wohlverdientes Abendessen schmecken ließen.


 

Am nächsten Morgen wollten wir nach dem herzhaften Abendessen zwar alle eigentlich gar kein Frühstück sehen, aber die Stimme der Vernunft - und das verlockende Frühstücksei - behielten schließlich doch die Oberhand.

 

 

Gestärkt machten wir uns dann wieder auf nach Elsarn, um weiteres Handwerk auszuprobieren.

 

Abbildung: Vorbereitungen zum Kerzenziehen/ © K. Schindl/ ARGE Archäologie
Abbildung: Vorbereitungen zum Kerzenziehen/ © K. Schindl/ ARGE Archäologie
Abbildung: Docht wird in Wachs getaucht / © K. Schindl/ ARGE Archäologie
Abbildung: Docht wird in Wachs getaucht / © K. Schindl/ ARGE Archäologie

Erster Programmpunkt war das Kerzenziehen aus Bienenwachs, wie es bereits im Mittelalter von eigenen - hoch angesehenen - Handwerkern praktiziert wurde: 

 

In einem feuerfesten, möglichst tiefen Behälter (hier leider wenig mittelalterlich im 4l Ölbehälter) erhitzten wir zunächst das Bienenwachs und bereiteten währenddessen den Docht vor. Damit der Docht beim Eintauchen in das geschmolzene Wachs gerade bleiben konnte, mussten kleine Gewichte an den beiden Enden befestigt werden. Anschließend legten wir den Docht um ein Stück Holz, sodass an beiden Seiten ungefähr die gleiche Länge vorhanden war und tauchten das ganze so weit wie möglich in das Wachs. Dass auch bei relativ einfachen Dingen etwas schief laufen kann, merkten wir auch gleich beim Kerzenziehen - das Wachs war zunächst zu heiß, sodass es sich nicht am Docht festsetzte, sondern sofort wieder abschmolz und auch die zuvor befestigten Gewichte ihren Halt verloren und auf den Grund des Wachsbehälters sanken - also noch einmal kurz auskühlen lassen.

Abbildung: Gabriele mit selbstgemachten Kerzen/ © K. Schindl/ ARGE Archäologie
Abbildung: Gabriele mit selbstgemachten Kerzen/ © K. Schindl/ ARGE Archäologie

 

 

 

 

 

 

Beim zweiten Versuch klappte es dann aber ganz wunderbar; immer wieder tauchten wir den Docht abwechselnd ins Wachs und in einen Eimer mit kaltem Wasser, sodass nach und nach die Wachsschicht auf dem Docht immer dicker wurde. Fabians Mama, Gabriele, gelangen auch gleich zwei wunderschöne selbstgemachte Kerzen.

Abbildung: Fabians Kerzen werden zur Abkühlung in kaltes Wasser getaucht / © K. Schindl/ ARGE Archäologie
Abbildung: Fabians Kerzen werden zur Abkühlung in kaltes Wasser getaucht / © K. Schindl/ ARGE Archäologie

 

 

Dass zu wissenschaftlichem Fortschritt ein gewisses Maß an Querdenken notwendig ist, haben wir ja gewusst - Fabian demonstrierte es uns auch gleich wieder und formte seine Kerzen auf ganz kreative Art und Weise.

Abbildung: Fabian und Klaus beim Bogenschießen/ © R. Manoutschehri/ ARGE Archäologie
Abbildung: Fabian und Klaus beim Bogenschießen/ © R. Manoutschehri/ ARGE Archäologie

 

 

 

 

Während unsere Kerzen auskühlten, vertrieben wir uns die Zeit mit ein wenig Bogenschießen. 

Abbildung: Erhitztes Glas wird um Stäbchen gedreht/ © R. Manoutschehri/ ARGE Archäologie
Abbildung: Erhitztes Glas wird um Stäbchen gedreht/ © R. Manoutschehri/ ARGE Archäologie

Zum Schluss wurde es dann noch einmal spannend - 

 

Michi zeigte uns das Drehen von Glasperlen. 

 

Da diese Technik bei offenem Feuer oder in einem Glasofen besondere Vorkenntnisse seitens unseres Gewinners erfordert hätte, mussten wir das Erhitzen des Glases leider auf nicht ganz authentische Art und Weise bewerkstelligen - mit einem Bunsenbrenner:

 

Zunächst wurde das Glasstäbchen in der gewünschten Farbe in der Flamme soweit erhitzt, dass es zu schmelzen und einen Tropfen zu bilden begann. Dieser wurde dann durch langsames, präzises Drehen auf ein zweites Stäbchen aus Stahl appliziert, welches zuvor in ein Tongemisch getaucht worden war, um das Ablösen der Perlen vom Stäbchen nach dem Abkühlen zu ermöglichen. Durch die natürlichen Eigenschaften von Glas formte sich der Tropfen bei gleichmäßiger Drehung durch die Schwerkraft zu einer Perle. Durch das Hinzufügen weiterer Farben und/oder zerkleinerter Glasscherben, ergaben sich rasch viele verschiedene, wunderschöne Perlen. Damit diese nicht zu schnell auskühlten und somit das Glas zum Bersten brachten, tauchten wir sie nach der Fertigstellung gleich in warmen Sand, wo sie für einige Stunden verweilen sollten. 

 

Glasperlen sind im archäologischen Fundgut Mitteleuropas übrigens bereits seit der frühen Bronzezeit nachgewiesen, wobei die Glasherstellung selbst möglicherweise als Nebenprodukt der Kupferherstellung entdeckt worden war.

 

Abbildung: Selbstgedrehte Glasperlen/ © R. Manoutschehri/ ARGE Archäologie
Abbildung: Selbstgedrehte Glasperlen/ © R. Manoutschehri/ ARGE Archäologie
Abbildung: Fabian beim Glasperlendrehen / © R. Manoutschehri/ ARGE Archäologie
Abbildung: Fabian beim Glasperlendrehen / © R. Manoutschehri/ ARGE Archäologie
Abbildung: Von links nach rechts: Michaela Esmeralda, Mag. Broidl, Klaus, Michi, Fabian und Anita / © R. Manoutschehri/ ARGE Archäologie
Abbildung: Von links nach rechts: Michaela Esmeralda, Mag. Broidl, Klaus, Michi, Fabian und Anita / © R. Manoutschehri/ ARGE Archäologie

Die Zeit vergeht viel zu schnell, wenn man Spaß hat - so empfanden es auch wir, aber auch ein Wochenende in der Urgeschichte neigte sich dem Ende zu.

 

Vor dem Abschied machten wir noch ein Gruppenfoto mit Fabian, unseren ARGE Archäologie Teammitgliedern  Klaus und Anita, unserer Bronzegießerin Michi sowie unseren neuen Freunden aus Elsarn: Michaela - Esmeralda, die für das Marketing im Freilichtmuseum zuständig ist sowie Herrn Mag. Broidl, dem Museumsleiter.

 


Habt ihr auch Lust auf urgeschichtliches Handwerk bekommen?

Dann schaut euch doch weitere Bilder in unserer Facebook - Galerie an und haltet Ausschau nach unseren Veranstaltungen - z.B. unseren Workshops "Antiker Bronzeguß" oder "Antike Mosaikkunst".

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