Rückzüchtung von Hausrindern: Wissenschaftler versuchen den Auerochsen wieder zum Leben zu erwecken!

Abbildung: Replik einer Höhlenwand von Lascaux (Lionel Bonaventure/AFP/Getty Images)
Abbildung: Replik einer Höhlenwand von Lascaux (Lionel Bonaventure/AFP/Getty Images)

Vor rund 17.000 Jahren hielten unsere Vorfahren in der Höhle von Lascaux, im heutigen Frankreich, Szenen aus ihrer Lebenswelt fest: Ein kleinerer Bulle mit nach vorne gebogenen Hörnern steht in Unterwerfung einem größeren gegenüber, welcher wie zur Herausforderung, sein Haupt hoch erhoben hat. Selbst der Höhlenlöwe, einer der furchterregendsten Raubtiere der Eiszeit scheint sich nicht zu trauen dem dominanten Bullen entgegenzutreten. Im Hintergrund flüchtet eine Herde von Riesenhirschen vor einer für uns unsichtbaren Gefahr.

 

 

Viele dieser Tiere gibt es schon lange nicht mehr; das Megaloceros, oder auch Riesenhirsch genannt, ist ausgestorben, ebenso auch der Höhlenlöwe. Die Bullen, welche einer Spezies namens Auerochse zugeordnet werden konnten, sind ebenfalls von der Bildfläche verschwunden. Ihre Gene jedoch sind heute immer noch in rezenten Viehpopulationen vorhanden – eine Tatsache, die sich Wissenschaftler nun zu Nutze machen wollen, um dieses Tier wieder zum Leben zu erwecken.

Abbildung: Bulle aus zweiter Generation des TaurOs Projektes (Staffan Widstrand/Wild Wonders of Europe)
Abbildung: Bulle aus zweiter Generation des TaurOs Projektes (Staffan Widstrand/Wild Wonders of Europe)

Das TaurOs Program, eine Kollaboration zwischen Ökologen, Genetikern, Historikern und Rinderzüchtern, unterstützt von Stichting Taurus, einer niederländischen Non-Profit Organisation, versucht, den Auerochsen durch einen Prozess namens Rückkreuzung wieder zu erschaffen. Laborbasierende Gentechnik ist dabei nicht notwendig.

 

Die mitarbeitenden Wissenschaftler haben Rassen von rezenten Rindern identifiziert, welche sich bestimmte Eigenschaften mit ihren Vorfahren, den Auerochsen, teilen: große Statur, lange Beine, eine schlanke, athletische Gestalt, nach vorne gebogene Hörner, schwarzes Fell bei männlichen und rötlich-braunes bei weiblichen Tieren. Die Rückkreuzung begann 2008 mit sieben verschiedenen Rassen.

 

Ronald Goderie, ein Ökologe, der das TaurOs Projekt leitet und der Co-Autor des Buches „The Aurochs: Born to Be Wild.“ ist, war sehr überrascht über die sogenannten „tief hängenden Früchte“, also die sehr einfach zu erreichenden Ziele. Bereits in der zweiten Generation könne man die, dem Auerochsen sehr ähnliche, Fellfärbung sehen; die Bullen seien schwarz und hätten einen Aalstrich entlang der Wirbelsäule. Sie stünden bereits auf längeren Beinen. Bei der Größe und Form der Hörner würde es komplizierter werden; in manchen Fällen entspräche eines der Tiere zu ungefähr 75% dem, was erreicht werden sollte. Nach etwa sechs bis sieben Generationen, so Goderie, würden sich die Wissenschaftler eine stabile Gruppe von TaurOs – Rindern erwarten. Dies würde allerdings noch weitere sieben bis zehn Jahre dauern.

 

Das TaurOs Projekt wurde als Teil einer „Verwilderungs“- und Bewahrungsbewegung gegründet. Dieses beinhaltet die Wiederherstellung von großen geographischen Gebieten zu ihrem vormenschlichen Zustand. Dazu ist es oft notwendig, bereits verdrängte Schlüssel- Tiere und Pflanzen wieder einzuwildern.

 

 

Auerochsen bevölkerten einst ganz Europa und große Teile von Asien. Eine Kombination aus Bejagung durch den Menschen und Umwandlung von weiträumigen Flächen mit Wildgräsern zu Ackerland reduzierte die europäische Population von Auerochsen zu einem winzigen Rest in einem polnischen Wald, wo sie unter königlicher Verordnung geschützt wurden, bis schließlich das letzte Exemplar 1628 ausstarb. Über ein Jahrhundert lang hatte das polnische Königshaus versucht, den Auerochsen zu bewahren, in dem es der Landbevölkerung Steuernachlässe gab, im Gegenzug für die Fütterung dieser bedrohten Tiere während des Winters. Politische Unruhen, Hausrind-Seuchen und andere Bedrohungen setzten allerdings diesen Bemühungen schließlich ein Ende. 

Abbildung: Hörner eines neolithischen Auerochsen im Vergleich zu jenen eines neolithischen Hausrindes im MAMUZ Schloss Asparn/Zaya (Anita Soós)
Abbildung: Hörner eines neolithischen Auerochsen im Vergleich zu jenen eines neolithischen Hausrindes im MAMUZ Schloss Asparn/Zaya (Anita Soós)

Rewilding Europe, eine Non-Proft Organisation, wurde 2011 gegründet, um bedrohten Tierarten großflächige Naturhabitate zu bieten und, im Falle des Auerochsen, die Lebenswelt, die sie einst bewohnten, nachzustellen. Die Organisation hat zehn Standorte für Auswilderungsparks gefunden und plant, den Auerochsen einen davon zuzuweisen. Die Arbeiten für dieses Unternehmen haben bereits an sieben Standorten begonnen.

 

Ein wichtiges Argument für die „Rückwilderung“ Europas – und somit auch die Wiedererschaffung des Auerochsen – ist, dass große Gebiete ökologisch gesehen sehr unbalanciert sind. Ehemalige und rezente Ackerflächen sind für viele Arten von Vögeln, Insekten und kleinen Säugetieren sowie auch Raubtieren, welche sich in der Anwesenheit von großen Beutetieren, die das Erdmaterial beim Grasen verfestigten und düngten, entwickeln konnten, unbewohnbar geworden.

Das Gegenargument jedoch ist, dass viel zu wenig darüber bekannt ist, wie all diese Arten miteinander interagieren würden. Skeptiker betonen, dass die Konsequenzen einer Auswilderung von Auerochsen schwer absehbar wären.

 

Manuel Lerdau, ein Ökologe der Universität von Virginia, der sich mit der Dynamik von großflächigen Wildgebieten beschäftigt, hinterfragt ebenfalls die Durchführbarkeit des Projektes. Man müsse bedenken, wie die Wiedereinführung des Auerochsen andere Pflanzen und Tiere beeinflussen würde. Wenn ein spezielles Glied des Ökosystems anvisiert werde, müsse man sich auch überlegen, was für die anderen Glieder wichtig wäre, so Lerdau.

 

Lerdau vergleicht das Vorhaben des Projektes in Bezug auf den Auerochsen mit der Wiedereingliederung des Bisons im Yellowstone National Park. Dies hätte auf mehreren Jahrzehnten an Forschungsarbeit über Graslandschaften und Bisons sowie über die Frage, was notwendig wäre, um lebensfähige Bisonpopulationen mit den Auflagen der modernen Welt zu vereinbaren, gefußt. Aufgrund dieses Aufwandes habe man sehr viel hinzugelernt.

 

Rewilding Europe hat es sich zum Ziel gesetzt, im Laufe der Zeit zumindest 150 Exemplare von TaurOs-Rindern in jedem der „rückgewilderten“ Areale zu beheimaten. Es werden aber auch andere Tierarten für dieses Schema in Erwägung gezogen, wie z.B. Wildpferde, Wisente (ferne Verwandte des amerikanischen Bisons) und Steinbock.

 

Dies stellt allerdings nicht den ersten Versuch dar, den Auerochsen wieder zu erschaffen. In den 1920er Jahren begannen die Brüder Heinz und Lutz Heck, domestizierte Hausrinder in deutschen Zoos auf eine ähnliche Art und Weise rückzukreuzen. Diese Tiere wurden in einigen europäischen Rückwilderungsprojekten verwendet, wobei die Bewertungen jedoch gemischt ausfielen.

Laut Goderie z.B. wären die Tiere zu klein gewesen. Valerius Geist, ein emeritierter Professor der Umweltwissenschaft von der Universität Calgary und außerdem ein ehemaliger Schüler von Heinz Heck, stimmt nicht mit Goderie überein; die Tiere hätten tatsächlich kürzere Beine gehabt, aber klein wären sie nicht gewesen.

 

Das TaurOs Projekt nutzt moderne Gentechnologie um einen Maßstab zu etablieren, anhand dessen man den Erfolg messen könne. So wurde das komplette Genom eines Auerochsen mithilfe eines 6.700 Jahre alten Humerus – Knochens, der in einer englischen Höhle gefunden wurde, 2014 erfolgreich sequenziert.

 

Laut Richard Croojimans, einem Molekulargenetiker der Wageningen Universität in den Niederlanden, dem Leiter der DNA- Analysen für das TaurOs Projekt, würde diese Sequenz mit Sequenzen verglichen werden, welche im Moment von primitiven Züchtungen stammen. Sobald die DNA der TaurOs-Rinder jener der Auerochsen immer ähnlicher würde, wüssten die Wissenschaftler, dass sie auf dem richtigen Weg seien.

 

Geist allerdings bezweifelt, ob ähnliche DNA bereits ein Zeichen für Erfolg wäre, da ja „auch Schimpansen und Menschen ähnliche Gene hätten, aber niemand Schimpansen Reisepässe oder Heiratsurkunden ausstellen würde“.

 

Ganz gleich, wie ähnlich TaurOs-Rinder dem ehemaligen Auerochsen auch sein könnten, wird es sicherlich schwierig sein, den endgültigen Erfolg zu erklären – dies ist auch den Vertretern des TaurOs Projektes bewusst. Sie hätten es sich als Ziel gesetzt, ein Tier rückzuzüchten, welches dem Auerochsen sehr ähnlich wäre, so Croojimans. Die Herangehensweise sei das Kombinieren von verschiedenen Tieren, wobei es schwierig wäre zu entscheiden, von welchem Zeitpunkt gesehen man den Auerochsen eigentlich zurückhaben wolle – vom Pleistozän, dem frühen Holozän oder vielleicht dem Mittelalter?

 

Die Fossilienspur erstreckt sich über 2 Millionen Jahre in die Vergangenheit, in denen der Auerochse sehr viel Zeit hatte, um sich zu verändern und anzupassen. Der Auerochse der 1620er mit milderem Temperament war sicherlich anders, als sein neolithischer Verwandter, dessen Knochen zur DNA-Sequenzierung herangezogen wurde.

 

Ein weiteres Problem ergibt sich, wenn Hausrinder in der Nähe der wilden, dem Auerochsen ähnlichen, Tierpopulationen gehalten würden. Denn wenn einige von letzteren nicht geimpft wären, könnten sie den Hausrindern zur Gefahr werden. Um die Tiere zu überwachen und sicherzustellen, dass alle geimpft wären, würden sie deshalb Ohrplaketten erhalten. Dies und die regelmäßigen tierärztlichen Überprüfungen könnten es allerdings größeren Wildpopulationen erschweren, sich zu etablieren. Da die Tiere von Hausrindern abstammen, würde der wiedergeschaffene Auerochse unter die Regelung von domestizierten Tieren vor EU- Gesetz fallen, wobei es unklar ist, ob sie legal als „wild-lebend“ deklariert werden könnten. Auerochsen wären demnach offiziell domestizierte Rinder. 

 

 

Es gibt allerdings noch eine andere Herangehensweise an diesen Gedanken: Prinzipiell sei der Auerochse ja nicht wirklich ausgestorben, so Croojimans. Er sei immer noch in den rezenten Rinderzüchtungen präsent, allerdings in stark veränderter Form.

 

Links:

 

 


 

Lust auf eiszeitliche Tiere und die Altsteinzeit bekommen?

Es ist noch ein Platz bei unserer Studienreise "Neandertaler und frühe moderne Menschen Westeuropas" frei, im Zuge welcher wir uns zahlreiche Darstellungen von Auerochsen, die unsere Vorfahren bei Fackelschein vor Jahrtausenden herstellten, anschauen werden - unter anderem auch in Lascaux! 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Bertram Krenz (Donnerstag, 21 Juli 2016 12:12)

    Welch eine Reise! Mal abgesehen vom Wetter, hat diese entfernt liegende Region doch echte archäologische Kracher zu bieten. Das Lesen Eures Beitrags hat mir unwahrscheinlich viel Freude bereitet.
    Herzlichst Bertram